Auf sich achten – auch bei der Ernährung

Der folgende Beitrag ist ein Interview von Jochen Auer mit dem Bayrischen Heilbäder-Verband e.V.:

In Bad Kissingen gibt es vielseitige Programme zum aktuellen Leitmotiv des Kurorts: „Mentale Gesundheit und gesunder Lebensstil“. Jochen Auer leitet in dem bayerischen Gesundheitsstandort mehrere Seminare, in denen Teilnehmer lernen, sich ganz alltagsnah auf sich zu besinnen und zu achten.

Herr Auer, viele Menschen essen zu viel und leiden an Übergewicht. Ist das auch ein Indiz dafür, dass man nicht auf sich achtet? 

Auer:  Da bin ich mir ganz sicher. Ich bin ja auch Autor eines Buches, „Abnehmen durch Achtsamkeit“, und gebe diesbezüglich auch Seminare. Wir unterteilen da verschiedene Hungerarten: Erstens der normale Magenhunger – das wäre das, was ich zu mir nehme, um mich gut und richtig zu ernähren. Zweitens der Augenhunger, den jeder kennt, wenn er vor einer Eis-Theke mit leckeren Eissorten steht oder an der Kasse, wenn man die vielen Süßigkeiten sieht. Drittens ist da der Gefühlshunger, der sehr spannend ist, weil er den größten Teil von unbewusstem Ernährungsverhalten ausmacht. Wir haben da eigentlich ein ganz anderes Bedürfnis und Gefühl, das wir dann aber durch Zunahme von Nahrung kompensieren. Man kann sich ja mal was woanders holen, was gerade fehlt. Das Ziel des „Achtsamkeits-Trainings“ ist es, sich auch hier dessen bewusst zu sein. Sich bewusst zu sein, den Kuchen gerade gegessen zu haben, um sich wohlzufühlen. Das ist immer noch besser, als sich unbewusst vollzustopfen und danach ein schlechtes Gewissen zu haben.

Wie kommt es zu dem fast jedem bekannten, übermäßigen Futtern von Süßigkeiten?

Auer:  Diese Zuckerl und dieses Angebot, das von außen da ist, darauf reagieren wir ja nur so stark, weil wir ein anderes emotionales Bedürfnis dahinter haben, was wir nicht stillen konnten. Wenn Sie am Meer sind, schwimmen, tauchen gehen, wandern, sich im Urlaub bewegen – dann können sie sehr gut für sich selbst sorgen. Und das macht Sie immun gegen diese Süßigkeiten. Wenn sie aber im Arbeitsalltag sind und dort Belastungen haben, dann haben Sie viel weniger Zeit für sich.

Vor Ihnen steht ein Teller mit Spätzle und Gulasch. Irgendwann ist man aber satt. Und nun: Den Rest stehenlassen oder doch aufessen? Noch einen leckeren Nachtisch bestellen? Auch wenn man danach vielleicht ein schlechtes Gewissen hat?

Auer:  Na ja, wenn sie es schon gegessen haben, können Sie es ja nicht mehr ändern. Hoffentlich ändern Sie es nicht mehr, denn das wäre eine weitere Essstörung als die schlechteste Variante. Es macht Sinn, sich das Essverhalten analytisch anzusehen. Und da ist es tatsächlich so, dass Sie mit klassischen Achtsamkeitsübungen, wie beispielsweise der Atemmeditation und anderen Übungen zu den Hungerarten, dieses „Stopp!“ setzen können. Das bedeutet, Sie machen sich ihr Essverhalten bis zu dem Punkt bewusst, wo sie spüren, dass es jetzt genug wäre. Und dann sagen Sie für sich selbst: Es ist mir jetzt wert und wichtiger für mich selbst, das „Stopp!“ zu setzen – und den Rest des Tellers stehenzulassen.

Was würden Sie denn in diesem Fall konkret mit dem Teilnehmer besprechen?

Auer: Ob man eine Motivation hat, abzunehmen oder das Gewicht in Balance zu halten. Ob man ein Ziel hat, das auch wirklich zu wollen und zu machen. Dann haben Sie eine Bewusstwerdung: Ich habe mir dieses Ziel gesetzt, mein Essverhalten zu verändern und zu verbessern. Und das bekommen Sie in Kombination mit dem „Achtsamkeits-Training“ auch tatsächlich hin.

Vielen Dank für das Gespräch!